Amazon vereint Eigenhandel und Marketplace auf 63 Prozent der deutschen Online-Einzelhandelsumsätze im Jahr 2024, drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Für lokale Geschäfte, die auf der Plattform verkaufen, bedeutet das weit mehr als Umsatzverschiebung. Die operativen Anforderungen, die Amazon stellt, verändern Arbeitsabläufe, Kostenstrukturen und rechtliche Pflichten im Tagesgeschäft.
Verpackungs-Compliance und EPR-Pflichten als versteckte Hürde für lokale Händler
Wer über Amazon verkauft, gerät in ein Regelwerk, das weit über Produktbeschreibung und Preisgestaltung hinausgeht. Die Plattform verschärft laufend ihre Anforderungen rund um Pan-EU-FBA-Regeln und prüft zunehmend strenger, ob Händler ihre Verpackungs- und EPR-Pflichten (Extended Producer Responsibility) erfüllen.
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Für ein inhabergeführtes Geschäft mit fünf Mitarbeitenden, das nebenbei über Amazon verkauft, erzeugt das einen bürokratischen Aufwand, der früher schlicht nicht existierte. Verpackungslizenzierung, Registrierung bei der Zentralen Stelle Verpackungsregister, Mengenmeldungen pro Quartal: Amazon wird vom Absatzkanal zum Regulierungsfilter.
Kleine Händler stehen vor der Wahl, diese Prozesse intern abzubilden oder externe Dienstleister zu beauftragen. Beide Optionen kosten Geld und binden Zeit, die im stationären Geschäft fehlt.
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Besonders betroffen sind Händler, die mehrere Produktkategorien anbieten. Jede Kategorie kann unterschiedliche Verpackungsanforderungen mit sich bringen, von Schutzpolstern bis hin zu speziellen Kennzeichnungspflichten. Wer das nicht systematisch dokumentiert, riskiert Abmahnungen oder den Verlust des Verkäuferkontos.
Auch die Nachweispflicht gegenüber Amazon selbst verschärft sich. Händler müssen in ihrem Seller-Central-Konto hinterlegte Registrierungsnummern aktuell halten und Änderungen zeitnah melden, andernfalls droht eine vorübergehende Sperrung der Angebote.

Neue Rückgaberegeln ab September 2026: Was sich für Amazon-Verkäufer ändert
Laut Händlerbund hat Amazon neue Rückgaberegeln angekündigt, die ab dem 7. September 2026 gelten. Betroffen sind Seller mit FBA, Eigenversand und der Amazon-Retail-Bereich gleichermaßen.
Die Verschärfung der Rückgabebedingungen klingt zunächst nach einer internen Plattformentscheidung. Praktisch trifft sie aber direkt die Kalkulation lokaler Händler, die Amazon als zusätzlichen Vertriebsweg nutzen. Retouren verursachen Versandkosten, Prüfaufwand und Wertminderung, die bei kleinen Stückzahlen schnell die Marge auffressen.
Unklar bleibt, wie sich die neuen Regeln auf das Kaufverhalten auswirken. Strengere Rückgabebedingungen könnten die Retourenquote senken, aber auch die Kaufbereitschaft dämpfen. Die verfügbaren Daten lassen hier noch keine belastbare Prognose zu.
E-Rechnung, DAC7 und Datenzugang: Regulierungsdruck von mehreren Seiten
Neben den plattformeigenen Regeln wirken externe Regulierungen auf lokale Händler ein, die über Amazon verkaufen. Drei Entwicklungen stechen hervor:
- Die E-Rechnungspflicht betrifft ab 2025 stufenweise alle Unternehmen in Deutschland. Wer auf Amazon verkauft, muss seine Rechnungsstellung an das neue Format anpassen, parallel zum bestehenden Ladengeschäft.
- Die DAC7-Richtlinie verpflichtet Plattformen wie Amazon, Umsatzdaten ihrer Verkäufer an die Finanzbehörden zu melden. Für Händler entfällt damit jede Möglichkeit, Plattformumsätze und stationäre Umsätze getrennt zu betrachten, ohne dass das Finanzamt den Gesamtüberblick hat.
- Der EU Data Act stellt neue Anforderungen an den Umgang mit Produkt- und Nutzungsdaten, besonders bei Smart-Home- und IoT-Produkten. Lokale Geschäfte, die solche Waren über Amazon vertreiben, müssen einen Regulierungsrahmen einhalten, der ursprünglich für Technologiekonzerne konzipiert wurde.
Diese drei Punkte zusammen verdeutlichen: Die regulatorische Komplexität steigt schneller als die Umsätze. Gerade kleine Unternehmen ohne eigene Rechtsabteilung stoßen hier an Grenzen.
Amazons Marktanteil am gesamten Einzelhandel: Einordnung der 6,2 Prozent
Der Anteil von Amazon am gesamten deutschen Einzelhandel liegt bei 6,2 Prozent. Das klingt nach einem überschaubaren Wert. Zum Vergleich: Der Großteil des Einzelhandelsumsatzes entfällt weiterhin auf den stationären Handel, auf Lebensmittel, Möbel, Baumärkte.
Die Zahl verdeckt allerdings die extrem ungleiche Verteilung nach Produktkategorien. In Bereichen wie Elektronik oder Bücher ist die Amazon-Dominanz erheblich stärker als der Durchschnittswert vermuten lässt. Lokale Fachhändler in diesen Segmenten spüren den Wettbewerbsdruck deutlich intensiver als etwa ein Bäcker oder ein Optiker.

Mehr als die Hälfte der über Amazon verkauften Waren stammt nicht von Amazon selbst, sondern von kleineren Händlern über den Marketplace. Diese Händler zahlen monatliche Gebühren, Abwicklungsgebühren und anteilige Versandkosten. Amazon profitiert also auch dann, wenn lokale Händler die Plattform als Absatzkanal nutzen.
Lieferperformance und Prime-Anforderungen als operative Belastung
Amazon verschärft regelmäßig die Leistungskennzahlen, die Seller erfüllen müssen, um sichtbar zu bleiben oder das Prime-Badge zu erhalten. Pünktliche Lieferung, niedrige Stornoquoten, schnelle Bearbeitung von Kundenanfragen: Für ein Ladengeschäft, das den Onlineversand als Nebenkanal betreibt, sind diese Anforderungen schwer zu halten.
Ein stationärer Händler mit begrenztem Lagerpersonal konkurriert hier mit professionellen Onlinehändlern, deren gesamte Infrastruktur auf Geschwindigkeit ausgelegt ist. Die Konsequenzen bei Nichterfüllung reichen von Sichtbarkeitsverlust bis zur Kontosperrung.
Hinzu kommt der Kostenfaktor bei der Nutzung von Fulfillment by Amazon. Wer FBA einsetzt, gibt die Lagerung und den Versand an Amazon ab, zahlt dafür aber Gebühren pro Einheit, die sich bei sperrigen oder niedrigpreisigen Produkten kaum rechnen. Die Alternative, der Eigenversand, erfordert ein zuverlässiges Logistiksystem, das viele kleine Läden nicht ohne Weiteres aufbauen können.
Der Versuch, über Amazon neue Kundschaft zu gewinnen, bindet Ressourcen, die im Ladengeschäft fehlen. Ob sich der Kanal für einen lokalen Händler lohnt, hängt stark von der Produktkategorie, der Marge und der internen Logistikkapazität ab. Händler, die nur wenige Bestellungen pro Tag abwickeln, unterschätzen häufig den Zeitaufwand für Retouren-Management, Bewertungspflege und die Kommunikation mit dem Seller-Support.
Der E-Commerce in Deutschland entwickelt sich nicht als Parallelwelt zum stationären Handel. Für lokale Geschäfte, die Amazon nutzen, wird die Plattform zu einem Knotenpunkt aus Umsatzchance, Gebührenstruktur und steigender Compliance-Last. Die Entscheidung, auf Amazon zu verkaufen, ist längst keine reine Vertriebsfrage mehr, sondern eine, die Buchhaltung, IT und Rechtsberatung gleichermaßen betrifft.